Aus der Hundestadt in den Hundehimmel

2015-04-27 00:55 (Kommentare: 0)

Feuerbestattung mit Live-Übertragung und DVD-Mitschnitt, Designer-Urnen, Beisetzung auf See im Papyrus-Schiffchen: Ihr Haustier ist den Deutschen lieb und teuer, und das noch im Tod. In Brandenburg will ein Bestattungsunternehmer jetzt sogar durchsetzen, dass Hund und Herrchen nebeneinander begraben werden dürfen. Von Friederike Steinberg

Für die Verbrennung der kleinen, schwarzgelockten Hündin ist alles feierlich vorbereitet: Eingeschlagen in ein weißes Tuch liegt "Shakira" auf einer Schiene vor dem Krematoriumsofen, auf dem Rücken eine rote Rose und einen kleinen Tonstein mit eingeprägter Nummer. Gedämpfte Klaviermusik zieht durch die weißgestrichene und mit Blumen dekorierte Halle.

Als sich die Klappe zum Ofen öffnet, wird es kurz ungemütlich - es faucht, flackert und Hitze schießt in den Raum. Ein kurzer Ruck, das tote Tier gleitet ins Feuer. Aber kaum ist die Krematoriumsklappe wieder geschlossen, kehrt Ruhe ein und ein Beamer malt idyllische Bilder mit Regenbogen, Blumenwiese und glücklichen Tieren an die Wand.

HISTORISCHES

  • Als ältester Tierfriedhof der Welt gilt der "Cimetière des chiens" in Asnières-sur-Seine bei Paris. Er eröffnete 1899. Rund 100.000 Tiere sind hier inzwischen bestattet, darunter auch berühmte wie der Filmhund Rin Tin Tin.

    Erste Tierfriedhöfe in der Region soll es in den 1920er Jahren in Berlin-Wedding, Stolzenhagen und Stahnsdorf gegeben haben. Nach dem Krieg bot das Tierheim in Berlin-Lankwitz Bestattungsmöglichkeiten an, 3.000 Tiere wurden dort im Laufe der Zeit beigesetzt. Mit dem Umzug des Tierheims 2001 musste auch der Friedhof umziehen.

    Seit den 1990er Jahren boomt die Tierbestattung in Deutschland: Inzwischen gibt es rund 100 Friedhöfe und 18 Krematorien für Heimtiere - vom Zierfisch bis zum Pferd.

"Das ist ein Riesen-Riesen-Zukunftsmarkt"

Egal ob Springmaus oder Schäferhund - die Betreiber des "Tierhimmel" im brandenburgischen Teltow setzen viel daran, die Bestattung eines toten Tiers in einen stil- und würdevollen Akt zu verwandeln. Die Anlage ist das einzige deutsche Tierbestattungszentrum in Deutschland mit einem Rundumservice für trauernde Tierhalter, betont Gründer Ralf Hendrichs stolz.

So hat sich der Besitzer von "Shakira" vorab nicht nur entscheiden können, ob er sein Tier lieber im Sarg oder doch im Leinentuch verbrennen lassen will: Per Internet kann er die Zeremonie live verfolgen, die Aufzeichnung von Aufbahrung und Kremierung gibt es später als DVD, mit getragener Musik unterlegt. "Nicht mit Originalton", sagt Hendrichs, "das muss nicht sein."

Grab für einen Labrador, mittelgroß: 500 Euro

Doch so viele Möglichkeiten gab es im "Tierhimmel" nicht immer: 2003 startete Hendrichs zunächst mit Grundstücken, auf denen Tiere schlicht beerdigt werden konnten. Der Start war zäh, fünf Jahre zog sich die Genehmigung hin. Inzwischen sind zweieinhalb Millionen Euro in die Anlage geflossen: Es entstanden ein Krematorium, eine Andachtshalle und ein Empfangsgebäude.

Und es hat sich gelohnt - das Geschäft boomt: "Das ist ein Riesen-Riesen-Zukunftsmarkt", sagt Hendrichs. Im letzten Jahr seien "deutlich über 3.000 Tiere" in Teltow bestattet worden - nach 120 im ersten Betriebsjahr. Für ein Einzelgrab von rund einem Quadratmeter sind laut Preisliste 500 Euro fällig, nach zwei Jahren jeweils weitere 300 Euro.

"Es sind genug tote Tiere da"

Und es gibt noch Luft nach oben: gerade in Teltow, in unmittelbarer Nachbarschaft der wachsenden Metropole Berlin, die auch als "Hundestadt" gehandelt wird. Allein rund 100.000 Hunde sind in Berlin gemeldet, dazu gibt es laut Senatsverwaltung geschätzte 40.000 ohne Steuermarke. Offizielle Zahlen, wie viele Heimtiere insgesamt in Berlin und Brandenburg gehalten werden, existieren nicht. Wenn man, wie der Zentralverband Zoologischer Fachbetriebe (ZZF), von Tieren in 38 Prozent aller deutschen Haushalte ausgeht, wären es 1,2 Millionen hierzulande. So viel ist sicher, wie Hendrichs sagt: "Es sind genug tote Tiere da."

Vier Krematorien und acht Friedhöfe für Tiere haben laut Hendrichs, auch Vorstandsmitglied des Bundesverbandes deutscher Tierbestatter, in den letzten Jahren in der Region aufgemacht. Im "Tierhimmel" in Teltow sind mittlerweile acht Personen in einem Rund-um-die-Uhr-Dienst damit voll beschäftigt, erschütterte Tierhalter wieder glücklich zu machen - und das mit allem, was das Bestattungsgewerbe hergibt. Und das ist teils mehr, als bei menschlichen Bestattungen erlaubt ist: Vom 24-Stunden-Abholservice über die Aufbahrung mit Essensbeigaben oder die Designer-Urne mit Zertifikat für den Wohnzimmerschrein.

Wenn neben dem Schmerz auch der Kontostand kein Ende kennt, bietet sich ein Haaramulett aus Silber an (198 Euro) oder die Asche von Hund und Hamster wird über Schweizer Firmen zu einem Diamanten gepresst. "Je nach Karat zwischen 2.500 und 15.000 Euro", so Hendrichs. Mehrmals im Jahr würden Edelsteine geordert, sagt er. "Das Angebot wird immer öfter genutzt."

Tierhalter zahlt im Grunde für sich selbst

Geschmacklos findet Hendrichs das nicht, und auch völlig verständlich: Dass ihre Katze oder ihr Hund in der Tierkörperverwertungsanlage landet, "das ist für viele Tierbesitzer eine ganz schlimme Vorstellung." Dem toten Tier sei es natürlich egal, was mit ihm passiere, aber eine Zeremonie und ein Ort zum Trauern tröste die Menschen. "Es würde keiner hingehen und sagen: Ich gebe mein Tier in den Schredder und dafür überweise ich 200 Euro nach Afrika."

Hendrichs bescheinigt allerdings manchen Tierhaltern schon eine fast manische Beziehung: "Meine Frau sagt immer: Es gibt Tierbesitzer, die wollen am liebsten mit durch den Ofen gehen, nur damit sie sicher sind, dass es auch die Asche ihres Tieres ist." Daher auch der Tonstein, der mit der Hündin "Shakira" verbrannt wurde: Die Laufnummer darauf soll sicherstellen, dass ihre Asche nicht nachher in der Urne für "Hasso" landet.

Tief in die Haustierhalter-Seelen blicken lassen auch einige Gräber in Teltow, mehr noch auf dem Friedhof "Bärolina" in Berlin-Steglitz: Die Grabstätten quellen teils über mit Deko, Kerzen, Flitterbändern und Fotos. Auf dem handtuchgroßen Grab von Katze Simba drängen sich Laternen, Putten, Blumenvasen und Windspiele, dazwischen gleich mehrere Gedenksteine. "Du bist unser erster Gedanke, wenn wir aufstehen", heißt es da, "und unser letzter, wenn wir schlafen gehen." 

Nicht weit entfernt zündet die Besitzerin von "Luna" eine Kerze am Grab der vor anderthalb Jahren gestorbenen Boxer-Hündin an und sagt weinend: "Sie war meine Tochter."

Bei immer mehr Menschen, die immer mehr Geld und Gefühle in ihre Tiere stecken, liegt die Konsequenz auf der Hand: Seit Jahren gebe es bei ihm Anfragen von Tierbesitzern, ob sie nicht nach dem Tod neben ihrem Hund oder ihrer Katze beigesetzt werden könnten, sagt Hendrichs. Inzwischen hat der "Tierhimmel" beantragt, Tier- und Menschenasche zusammen beerdigen zu dürfen. "Wir erwarten die Zulassung noch in diesem Jahr."

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